Sex in der Multioptionsgesellschaft

Schwule Männer haben Sex - ständig und überall. So das Gerücht. Die Wirklichkeit ist geradezu ernüchternd: Unsere Möglichkeiten für ein wildes Sexualleben nutzen wir weit weniger, als wir könnten. Maßgebliche Schuld daran hat die Multioptionsgesellschaft.

Der Blick in den Kalender verheißt bereits am Montag eine wilde Woche. Für heute und Donnerstag erinnert er ans Sportstudio, dienstags gibt es ein Two4One, Mittwoch ist Saunatag. Freitag und Samstag gibt es mindestens eine Party, die man auf keinen Fall verpassen darf und der Sonntag ist für ein spontanes Date aus dem Internet-Chat reserviert.
Wir laufen mit beim Szene-Marathon. Nicht in erster Linie, weil wir mit dieser Strategie in der letzten Woche besonderen Erfolg gehabt hätten. Und nicht, weil wir tatsächlich sieben Männer pro Woche in unsere Betten locken konnten. Wir feiern voller Ausdauer, weil wir Angst haben etwas zu verpassen. Schließlich wollen wir da sein, wo die tollsten Männer sind. Flirten macht Spaß, jedes Date ist eine Streicheleinheit für die Seele. So richtig gefunkt hat es trotzdem schon lange nicht mehr. Vielleicht weil es zu viele Männer gibt. Vielleicht ist die Welt allgemein zu kompliziert geworden.

Früher saß man vorm Fernseher, schaltete durch alle drei Programme, blieb beim besten hängen und war glücklich mit seiner Entscheidung. Heute klickt man sich durch beinahe vierzig Sender. Man schaut einen Krimi bis zur Werbepause, sucht dann nach einem spannenderen Programm, schaut auch das nicht zu Ende und ist gegen Mitternacht absolut unzufrieden mit dem verschwendeten Abend.
Früher gab es nur eine Bar in der Nähe. Wir hatten eine Menge Spaß, trotz der wenigen Gelegenheiten. Heute hetzen wir von einer Kneipe in die nächste. Uns quält die Angst, das Beste könne genau dort stattfinden, wo wir nicht sind - nicht sein können, schließlich sind wir ja hier. Das Leben, das wir gerade nicht führen können, wird zur Belastung.

Den meisten Menschen geht es ganz ähnlich. Sie sind zufrieden, wenn sie stets möglichst viele verschiedene Optionen zur Auswahl haben. Und sind dann gleich wieder unglücklich, weil sie nicht alle nutzen können. Das Wort Option leitet sich vom lateinischen „optio" ab und bedeutet „freier Wille". Menschen möchten sich heute aus freiem Willen für eine aus möglichst vielen Möglichkeiten entscheiden. Gleichzeitig wollen sie nichts verpassen. Bei begrenzter Zeit und parallelen Angeboten schließt sich das zwangsläufig aus.
Besonders auffällig werden das Phänomen und seine Folgen, wenn es um die Mobilität geht. Aus dem Drang, die Verfügbarkeit von Raum und Zeit zu optimieren, folgt der Versuch, besonders viele Dinge in kürzester Zeit zu erledigen. Weil wir diesem Wunsch jedoch nicht allein erliegen, sind alle ständig unterwegs und stehen letztlich völlig immobil im Stau.
Den eigenen Stau im kleineren Maßstab erzeugen viele Menschen, wenn sie beim Frühstück am Laptop sitzen und nebenbei noch
einige Telefonate erledigen. Am Ende haben sie nichts auch nur halbwegs anständig gemacht. Die Briefe sind voller Rechtschreibfehler, sie erinnern sich kaum noch an das, was sie am Telefon verabredet haben, und die Tastatur ist voller Müsli.

Dann geht es ihnen ganz ähnlich wie an vielen Szeneabenden: Sie fühlen sich betrogen. Um das Frühstück, das sie nicht genießen konnten; um die Telefonate, an denen sie Spaß haben wollten; und um die Zeit, die sie für schlechte Briefe verschwendet haben. Nach einem Abend in der Szene fühlen sie sich außerdem noch um den Spaß betrogen, den er eigentlich hätte bringen sollen. Vom Sex einmal ganz abgesehen.

Genau wie die Sucht nach Liebe ohne Abhängigkeit - und beide von einer Gesellschaft hervorgebracht, die uns mit einer Vielzahl von Wahlmöglichkeiten überfordert. Bisher gab es reale Ängste, wie man sie angesichts einer Dogge verspürte oder bei drohendem Arbeitsplatzverlust. Außerdem gab es neurotische Ängste: Platzangst oder die Furcht vor großen Höhen zum Beispiel. Hinzu kommt im Zeitalter der Multioptionsgesellschaft noch die Angst, sich im Angesicht einer Vielzahl von Wahlmöglichkeiten für die falsche zu entscheiden oder eine bessere zu verpassen.
Zum Beispiel wenn man sich nach einem gemütlichen Fernsehabend zu zweit sehnt. Und den sollte man sich einfach gönnen! Ganz entspannt und ohne den Anspruch, ihn in den Armen eines Mannes fürs Leben zu verbringen. Stattdessen vielleicht eng umschlungen mit einem guten Freund.

Eine Mini-Auszeit aus dem Szeneleben schärft den Sinn für die wichtigen Dinge - und lässt einem wahrscheinlich nicht die Chance des Jahres durch die Lappen gehen. Der Traummann, der heute in der Dampfsauna wartet, wird morgen auch im Sportstudio auftauchen.
Ein wilder Abend in der Szene mit etwas Alkohol und guten Freunden wird gekrönt, wenn er in einem fremden Bett endet. Mit etwas Glück gelingt das jedem - heute oder etwas später. Doch die meisten suchen mehr: Liebe. Nicht die romantische Form der Liebe aus der Flower-Generation. Eine neuartige Form der Nähe soll es sein, nach Möglichkeit ohne Abhängigkeit.
Abhängigkeit würde sie genau in dem Moment binden, an dem sich die bessere Option bietet. In der Folge bleiben autonome Menschen zurück, die zu Beziehungen kaum noch fähig sind und sich stattdessen in ein kompliziertes System zwischenmenschlicher Tauschgeschäfte flüchten. Sie wünschen sich nicht die Beziehung an sich, sondern die Option auf eine Beziehung. Und wenn ihnen diese Option verwehrt bleibt, entscheiden sie sich für die abgespeckte Version: den Sex.

Schade nur, dass der Richtige gerade nicht hier ist. Was tun? Auf ihn warten? In die nächste Bar rennen oder einen anderen Darkroom ausprobieren? Es geht nicht mehr ohne die Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Dies ist die modernste Form der Angst, eine Neuerung auf dem Markt der psychologischen Phänomene.
Und wenn wir einmal gar nichts erleben können? Wenn uns eine Krankheit lahm legt oder wir uns um Freunde oder den Job kümmern müssen? Dann hadern wir mit dem Schicksal, fühlen uns um unser gutes Recht betrogen. Kein Wunder, dass seelische Störungen auf dem Vormarsch sind. Dem Druck der Multioptionsgesellschaft kann längst nicht jeder standhalten. „Kein Sex, das ganze Wochenende?", werden die Arbeitskollegen am Montag fragen - „Immer noch keinen Freund?", die Mutter. „Was hast du denn die ganze Zeit gemacht?"

Keine Ahnung! Wir hatten einfach Spaß, haben haufenweise Leute getroffen und am Wochenende so wenig geschlafen wie selten zuvor. Keine gute Voraussetzung für ein entspanntes Sexleben. Aber wer hat das schon? Viele Männer ziehen ihr Sexanbahnungsprogramm eisern durch. Selbst dann, wenn mal etwas Wichtiges ausbleibt: die Lust. Bloß keine Option entgehen lassen. Schließlich könnte der Traummann ja ausgerechnet heute in Ausgehlaune sein. Nicht auszudenken, wenn man ihn verpassen würde. Das sind die Momente, in den man als Single schon mal neidisch in die Schlafzimmer der Verheirateten schielt. Ein Ratschlag, den sich auch Paare zu Herzen nehmen können. An ihnen sind die Versuchungen der Multioptionsgesellschaft ebenfalls nicht spurlos vorüber gegangen: Der Sex in Partnerschaften hat ebenfalls nachgelassen. Das ermittelte das amerikanische Kinsey-Institut. Früher war Sex die optimale Freizeitbeschäftigung: Schlechtes Wetter, nichts im Fernsehen? - Lass uns ins Bett, Schatz!

Heute gibt es im überfüllten Terminplan keine Pausen mehr. Auch für Verheiratete gibt es ständig Partys und Termine, die man keinesfalls verpassen darf. Viele Partner schlafen zwar in einem Bett, aber wegen der zahllosen Möglichkeiten, die man unmöglich gemeinsam wahrnehmen kann, oft nicht mehr zur gleichen Zeit.
So nimmt sowohl bei Singles als auch bei Männern in festen Partnerschaften die Häufigkeit der Masturbation zu; auch das ein Ergebnis der Studie des Kinsey-Instituts. Da wir uns nicht mehr festlegen wollen oder können, oder sich kein anderer mehr für uns entscheiden kann oder möchte, landen wir mit der sicheren Wahl im Bett: uns selbst.
Besser wäre es zu lernen, unsere Angst vor der verpassten Chance zu durchschauen. Dann können wir der Realität locker in die Augen schauen, uns für eine mögliche Option entscheiden und rechtzeitig die Initiative ergreifen. In der Szene warten darauf mit Sicherheit einige.
helix - 23. Jun, 09:00
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So nicht! Blog - 25. Jun, 21:17
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The Exit - 23. Jun, 22:09
Sehr schöne Zusammenfassung des Status Quo, wobei ich das Gefühl habe, es trifft auch Heteros! Vielleicht ist das ein Grund, warum gerade Berlin eine Stadt der Singles ist? Weil es zu viele Optionen gibt?
Bellerophon (anonym) - 23. Jun, 22:22
Das Problem hat eine einfache Lösung - lernen, wie man Prioritäten setzt und aus dem Bauch heraus entscheiden!

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