Donnerstag, 5. Juli 2007

Shortbus

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Im Herbst 2006 kam ein Film in die Deutschen Kinos, der die Gemüter erhitzen sollte – oder gemusst hätte! Denn leider wurde sehr wenig über dieses Meisterwerk gesprochen. Von den einen als Meilenstein der Filmgeschichte gefeiert, von den anderen als platter, für die Kinos hochgepuschter Pornostreifen betitelt, fand SHORTBUS kaum Zugang in deutsche Kinos. Der Regisseur und Author John Cameron Mitchell erfüllte sich den Traum vieler Filmemacher. Er verquickt in seinem Werk traditionelles Drama mit Hardcore-Pornoszenen, wie sie in dieser expliziten, drastischen Form bisher noch nicht im Kino zu sehen waren - nicht einmal in Larry Clarks und Ed Lachmans Ken Park.

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Die Geschichte verknüpft das mehr oder weniger intime Sexleben von New Yorker Bürgern und gibt einen unglaublich real wirkenden Blick in die Sexszene der Stadt nach dem 11. September. Das schwule New Yorker Pärchen Jamie (Paul Dawson) und Jamie (PJ DeBoy) lebt seit Jahren zusammen. Um der Beziehung wieder mehr Schärfe zu verleihen, wollen sie außerhalb der Verbindung nach Sex suchen. Regeln dafür gibt es nicht. Mit dem experimentierfreudigen Ceth (Jay Brannan) finden sie einen geeigneten Partner, der einem flotten Dreier nicht abgeneigt ist. Der Versuch, bei der Sextherapeutin Sofia (Sook-Yin Lee) kompetenten Rat zu bekommen, schlug zuvor gnadenlos fehl, weil die junge Frau selbst unter einem schwerwiegenden Problem leidet: Sie hatte noch nie einen Orgasmus - nicht unbedingt die beste Voraussetzung für ihren Job. Durch Jamie und Jamie bekommt Sofia den Tipp, sich im Sexclub „Shortbus“, wo sich die New Yorker Undergroundszene zu hemmungslosen Abenteuern trifft, „heilen“ zu lassen. Obwohl ihr Mann Rob (Raphael Barker) im Bett bis an die sportlich machbaren Grenzen geht, tut sich bei Sofia nichts. Nach anfänglicher Irritation über die wilden Shortbus-Gruppensexorgien freundet sie sich mit der jungen Domina Severin (Lindsay Beamish) an. Derweil gleitet Jamie, der seit geraumer Zeit einen Film über sich selbst dreht, immer tiefer in Depressionen ab...

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„Shortbus“ ist der aktuell freizügigste Film, der außerhalb der Pornobranche gedreht wurde. Will Mitchell (beste Regie beim Sundance Festival für „Hedwig And The Angy Inch“, 2001) damit provozieren? Sicherlich. Will er jedoch sein Publikum schockieren? Nein, sicher nicht. Er tut nur das, was eigentlich logisch ist. In einem Film über Sex sollte selbiger auch zu sehen sein. Und was den Besucher in „Shortbus“ erwartet, bekommt dieser gleich in einer fulminanten Eröffnungsszene zu spüren. Die Kamera von Frank G. DeMarcos pirscht sich zu einem jazzigen Score über eine plastische New-York-Collage an und landet direkt in mehreren Wohnungen, wo es gerade zur Sache geht. Jamie (PJ DeBoy) filmt sich dabei, wie er erst nackt in einer Badewanne liegt und dann in einer akrobatischen Aktion sich selbst oral befriedigt und halb auf dem Kopf stehend in seinen eigenen Mund ejakuliert - was die Großaufnahme nicht verschweigt und sogar den Orgasmus inklusive Schuss zeigt! In der nächsten Station hat der Betrachter das Gefühl, dass sich Rob (Raphael Barker) und Sofia (Sook-Yin Lee) im Kamasutrastil das Hirn herausvögeln. Und Domina Severin (Lindsay Beamish) wird Liebhabern des Malstils von Jackson Pollock keine Freude bereiten, wenn sie einen Zögling quer durchs Zimmer auf ein Gemälde spritzen lässt - mit Blick auf Ground Zero.

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Besonders pikant für die amerikanische Volksseele ist einer schwuler Dreier zwischen den beiden Jamies und Ceth (Jay Brannan), bei der der erigierter Penis von Paul Dawson (der nebenbei wirklich statthaft ist) als Mikrofonständer benutzt wird, um „The Star Spangled Banner“, die Nationalhymne, zu schmettern. Der explizite Oralverkehr beschränkt sich dabei nicht nur auf die Geschlechtsteile, sondern auch auf rückseitige Elemente. Rimming, Blasen und Circle-Blowing mit einem Richtungswechsel ist ebenfalls im Petto. Außergewöhnlich ist, dass die steifen Schwänze der Hauptdarsteller ordentlich in Positur gebracht werden und kein Hehl darum gemacht wird, auch nur irgendetwas zu verdecken. Nachdem mit dem Anfang erst einmal klar gestellt wurde, dass Mitchell ernst macht, widmet er sich in der Folgezeit überwiegend seinen Charakteren und unterbricht die Studie nur durch einige Orgien- und weitere Sexszenen. Hier wird übrigens nicht simuliert. Jeder Orgasmus, jeder Tropfen Sperma ist echt!

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Richtig stark ist „Shortbus“ immer dann, wenn Mitchell ausgiebig seine Atmosphäre arbeiten lässt. Im Sexclub entsteht eine merkwürdig-surreale Bohème-Stimmung. „It’s just like the sexties except with less hope“, bilanziert die New Yorker Szene-Ikone Justin Bond zwischendrin einmal treffend. Doch „Shortbus“ ist keineswegs ein verkrampfter Film. Vielmehr schildert er erfrischend offen ein authentisches sexuelles Paralleluniversum, das sich im Bauch der Großstadt etabliert hat - ohne irgendeine Reue oder gar Scham. Zwischendrin darf auch gelacht werden, gar heiter geht es mitunter zu. Optisch perfekt arrangiert Mitchell einige collageartigen Szenen, die auch den Film beschließen.

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FAZIT: Ein Experiment, das geglückt ist. Nach über zweijähriger intensiver Vorbereitung ist den Filmmachern ein Streifen gelungen, der nicht nur tief in die Schlafzimmer blicken lässt, sondern jeden Zuschauer selbst zum Nachdenken anregt! Und zum Finale dürfen auch gerne ein paar Tränen zum Takt von "In The End" vergossen werden. Diesen Film muss man einfach gesehn haben!

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allesfliesst - 20. Jul, 10:25

in berlin lief der film relativ ausführlich. ich fand ihn in der ersten hälfte sehr nett, gerade auch weil er sich nicht um die grenze zwischen porno und "spielfilm" kümmerte und sich nicht auf bestimmte homo- oder hetero-muster von sex festlegte. dafür hat mich die klischeehafte psycho-mechanik in der zweiten hälfte dann doch umso mehr genervt. das wirkte einfach wie aus einem psychologie-lehrbuch für anfänger abgeschrieben. nach so viel aufgesetzter tragik fiel es dem film auch sichtlich schwer, sich noch in sowas wie ein happy-end zu retten - und dass sich dann doch alle nochmal im club einfanden und die party weiter ging, kam eher gequält rüber. fazit: ein guter rumfick-film mit echten (und sympathischen) menschen war durchaus mal fällig, und insofern ist mir "shortbus"in guter erinnerung. aber im hedonismus dann auf gedeih und verderb die seelische tiefe ausbuddeln zu wollen, geht irgendwie schief.

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