Wer oder was ist eigentlich schwul?

Vor kurzem habe ich euch berichtet, was die „schwulen“ Wörter in der englischen Sprache sind und euch ihre Bedeutung und Herkunft ein wenig näher gebracht. Nun werfen wir einmal ein Auge auf die deutschen Landen.

Die Herkunft der „Lesben“ ist eigentlich vielerseits bekannt. Das Wort leitet sich vom griechischen Λέσβος ab, der Name einer Insel im ostägäischen Meer. Die antike griechische Dichterin Sappho, die im 6. Jahrhundert v. Chr. auf Lesbos lebte, hatte in ihren Gedichten die Liebe zwischen Frauen besungen. So weit so gut. Die Herkunft des Wortes „schwul“ ist dagegen nicht ganz so klar.

Natürlich bedeutet „schwul“ im ersten Sinne ‚männliche Homosexualität’. Lange Zeit war man auf der Suche nach einem würdigen Namen für diese Form der Liebe. John Henry Mackay veröffentlichte unter seinem Pseudonym Sagitta bereits 1906 die Bücher der „namenlosen Liebe“. Im ersten Band erklärt Mackay, dass es für diese Liebe immer noch keinen adäquaten Namen gibt, so dass er sie die „Namenlose“ nennen muss. Er legt dar, dass diese Liebe weder eine Angelegenheit der Kirche (Begriffe wie Sodomie, Unkeuschheit), noch des Staates, noch der Medizin (Homosexualität) sei, sondern allein der Natur, und deshalb auch nur den Gesetzen der Natur unterstehe. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, als Karl Heinrich Ulrichs und Magnus Hirschfeld sich ebenfalls diesem Themenkomplex widmeten, wurden verschiedene Begriffe geschaffen, um das Phänomen der männlichen Homosexualität zu beschreiben, darunter auch die Neuschöpfungen Uranismus bzw. Urning, die wenig Verbreitung fanden, sowie verschiedene umgangssprachliche Begriffe, die eher abwertend gemeint waren.

Eine ähnliche Abwandlung des heutigen Wortes lässt sich auch in der Wetterbeschreibung wieder finden. So ist es an Sommertagen oft ‚schwül’, also „drückend heiß“. Vor dem 18. Jahrhundert war diese Wettererscheinung aber auch als ‚schwul’ bekannt. Erst dann änderte man es zu schwül um einen Gegensatz zu ‚kühl’ zu bilden. Auch der Begriff „Schwulität“ existierte bereits. Wie heute stand er für Schwierigkeit, Bedrängnis bzw. peinliche Lage; allerdings ohne einen sexuellen Nebensinn.

Warum nun aber der Begriff der Wettererscheinung über die Jahrhunderte zum Namen einer Liebesform wurde, ist sicherlich genauso wage wie die Behauptung, dass das Huhn eher da war. Das der „warme Bruder“ aber eventuell von dieser feucht-warmen Wettererscheinung herrühren mag, lässt sich nicht abstreiten. Sicher ist, dass das Wort ‚schwul’, früher ausschließlich als Schimpfwort im Gebrauch, seit der Schwulenbewegung in den frühern 70ern ein viel neutraleres Ansehen bekommen hat. Sie drängte die abwertende Bedeutung so weit zurück, dass der Begriff heute im allgemeinen Sprachgebrauch und in Dokumenten der gesetzgebenden Körperschaften verwendet wird. Trotzdem gibt es Fälle, in denen die damals Betroffenen des §175 sich bis heute nicht als ‚Schwule’ bezeichnen, da der Begriff für die eine ganz andere Bedeutung hat.

‚Schwul’ hat seinen vulgärem, medizinischem oder verleumderischen Charakter nahezu verloren und hat damit eine ähnliche Geschichte wie das englische Wörtchen ‚homosexual’ oder ‚queer’ hinter sich. Nur noch in der heteronormativen Jugendsprache hat schwul eine immer noch abwertend gemeinte Bedeutung beibehalten. Hier wird es als Synonym für seltsam, langweilig oder enervierend gebraucht. Insgesamt gibt es also wesentliche Erfolge gegen Diskriminierung auch im Sprachgebrauch, doch in einigen wenigen Randbereichen gegenläufige Entwicklungen.
Linguistik für Schwule
helix - 30. Sep, 09:30
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